An die Nachwelt

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04. September 1944
Abel J. Herzberg
12 Uhr. Regen und Wind, Regen und Wind. Schon nach ein paar Tagen Regen ist der Boden durchweicht und mit Pfützen bedeckt. Wer heile Schuhe hat, kann von Glück sprechen, doch wer hat nach vier Jahren Krieg noch heile Schuhe? Die meisten Lagerbewohner sind schon ein oder zwei Jahre oder noch länger von Zuhause weg, und alles, was sie besitzen, nützt sich mehr und mehr ab. Schuhe zu flicken ist hier ein Lebensproblem. Schuhmacher gibt es genug, doch es fehlt an Material. Zwar haben wir genug von den ,,Schuhen“ mitgenommen, doch woher holt man die Nägel? Und dann stellt der Magen des Schuhmachers natürlich auch seine Forderungen. Und der Schuhmacher hat noch eine Frau und Kinder, und die Frau und die Kinder haben auch Mägen, und diese Mägen stellen auch so ihre Forderungen, sodass derjenige, der seine Schuhe flicken lassen möchte, gut daran tut, eine Brotration mitzubringen. Diese anzunehmen ist dem Schuhmacher zwar verboten, doch niemand kann dem Schuhmacher verbieten, sich darauf zu berufen, dass es an Material fehlt. Denn das ist ein Grund oder zumindest Grund genug, um zu schustern, wenn er will, und es sein zu lassen, wenn er nicht will. Wer eine Brotration mitbringt, bringt einen natürlichen Vorrang mit, und wie es beim Schuhmacher läuft, so läuft es auch beim Uhrmacher, der nie Benzin hat, ehe er eine Gegenleistung riecht. Und das für ihn geschriebene Verbot ist nicht so unumstößlich, als dass er es nicht zu umgehen wüsste.
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Reiner Text
Abel J. Herzberg 04. September 1944 12 Uhr. Regen und Wind, Regen und Wind. Schon nach ein paar Tagen Regen ist der Boden durchweicht und mit Pfützen bedeckt. Wer heile Schuhe hat, kann von Glück sprechen, doch wer hat nach vier Jahren Krieg noch heile Schuhe? Die meisten Lagerbewohner sind schon ein oder zwei Jahre oder noch länger von Zuhause weg, und alles, was sie besitzen, nützt sich mehr und mehr ab. Schuhe zu flicken ist hier ein Lebensproblem. Schuhmacher gibt es genug, doch es fehlt an Material. Zwar haben wir genug von den ,,Schuhen“ mitgenommen, doch woher holt man die Nägel? Und dann stellt der Magen des Schuhmachers natürlich auch seine Forderungen. Und der Schuhmacher hat noch eine Frau und Kinder, und die Frau und die Kinder haben auch Mägen, und diese Mägen stellen auch so ihre Forderungen, sodass derjenige, der seine Schuhe flicken lassen möchte, gut daran tut, eine Brotration mitzubringen. Diese anzunehmen ist dem Schuhmacher zwar verboten, doch niemand kann dem Schuhmacher verbieten, sich darauf zu berufen, dass es an Material fehlt. Denn das ist ein Grund oder zumindest Grund genug, um zu schustern, wenn er will, und es sein zu lassen, wenn er nicht will. Wer eine Brotration mitbringt, bringt einen natürlichen Vorrang mit, und wie es beim Schuhmacher läuft, so läuft es auch beim Uhrmacher, der nie Benzin hat, ehe er eine Gegenleistung riecht. Und das für ihn geschriebene Verbot ist nicht so unumstößlich, als dass er es nicht zu umgehen wüsste.
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