An die Nachwelt

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14. Juli 1942
Janusz Skretuski-Pogonowski
Liebe Tante, Lalusia, Jędruś! Heute erfuhr ich, dass man Euch über meinen Tod benachrichtigt hat. Es tut mir leid, dass Ihr sicher meinetwegen viele Schwierigkeiten hattet. Es ist sogar möglich, dass sie Euch meine Asche geschickt haben. Das kommt hier oft vor. Das Krankenrevier gibt versehentlich eine falsche Nummer an die Hauptschreibstube weiter, und die sind dort sicher, dass das gegebene Individuum tot ist. Also veranstaltet nicht zufällig mein Begräbnis, ich würde sonst weinen. So Gott will, sehe ich vielleicht in Kürze meine Lieben gesund und munter zu Hause wieder. Es ist wirklich schwer, in diesen Verhältnissen, in denen ich mich befinde, durchzuhalten. Wenn ich aber nun schon über zwei Jahre durchgehalten habe, dann werde ich, Gott geb‘s, in den Schoß der Familie zurückkehren. Was am Schlimmsten ist – wir haben oft empfindlichen Hunger. Das ist jedoch weniger unerträglich, als die Sehnsucht nach den Lieben und nach dem Heim. Man denkt nun schon nicht mehr an Feste und andere Lebensfreuden, sondern einzig an Euch, meine Teuersten, Liebsten. Mit jedem Transport, der hier ankommt, was häufig der Fall ist, befürchte ich, Andrzej, Vater und sogar die Tante oder Irenka zu sehen. Hier leben hinter dem Stacheldraht schließlich auch Frauen, die nicht weniger geschunden werden als wir. Ich habe schon mehrere Bekannte getroffen. Hier kommen auch Transporte aus Frankreich an. Ich fürchte, hier auch den Vater wiederzusehen. In diesen Verhältnissen ist alles möglich. Bitte, schreibt mir, wo sich Vater wirklich befindet und ob er wirklich gesund ist. Jede Nacht denke und träume ich ununterbrochen an und von Euch. Der Tag ist hier für mich nicht ein Tag wie bei freien Menschen, das ganze Leben ist ein nächtlicher Alptraum. Nicht ein Moment Ruhe. Immer von den Peitschen der deutschen Banditen angetrieben und gejagt. Keine Rede von einem Versuch des Widerstands. Die kleinste Verletzung der Lagerordnung hat schreckliche Folgen. Auf jedem Schritt lauert der Henker, bereit zur Vollstreckung des Urteils. Wenn nicht der Hunger, dann bezwingt uns die Krankheit, wenn die glücklich vorüber ist, wartet ein unvermuteter Schlag mit der Schaufel oder einem anderen scharfen oder schweren Gegenstand. Manchmal kommt sogar der Moment, wo ich im Abendgebet Gott um Gnade, um den Tod bitte. Diese hat nicht nur einen, sondern schon Tausende von uns erlöst. Hier kann man sogar wohlhabend und gut leben, aber man muss den Anderen das Leben nehmen, zum Henker der eigenen Brüder, Vater, Schwestern oder Mütter werden. Das allerdings verträgt sich nicht mit der Ehre eines Polen. Nicht mit dem Mut und dem Stolz über unsere großartige nationale Vergangenheit. In letzter Zeit gehen von hier zahlreiche Transporte nach anderen Lagern, in das Innere des Reiches. Das ist das Eine, vor dem ich mich ein wenig fürchte. Sie wollen uns unbedingt fertigmachen, die Liebe und Treue zum geliebten Vaterland aus uns herausreißen. Es gibt auch solche, denen das Leben lieber ist als das Vaterland, sie erlauben sich verschiedene Gemeinheiten, doch die machen sich selbst schnell fertig, denn sie besitzen kein Lebensziel. Vor drei Wochen ist hier in sehr schlechtem körperlichen Zustand unser sehr guter Bekannter, Herr Jaroszyński, gestorben. Einen Moment noch vor seinem Tode stand ich neben ihm und konnte sogar ein paar Worte mit ihm wechseln. Er beauftragte mich, seine Frau und Kinder ganz herzlich zu umarmen. Er wusste, dass er stirbt, aber er hoffte noch immer, die verlorene Freiheit wiederzugewinnen. Er starb mit den Worten „Lasst mich endlich zu meinen Nächsten, ich will noch für sie leben“. Er war an Durchfall und allgemeiner Auszehrung erkrankt. Der Tod ist hier für uns eine so gewöhnliche Sache, dass sicherlich keiner große Angst vor ihm hat. Exekutionen finden fast täglich unter unseren Augen statt, ohne Rücksicht auf die Tageszeit. Hier kommen durch die Kugeln nicht einzelne oder dutzende, sondern tausende, wortwörtlich tausende Menschen um. Gestern, zum Beispiel, wurden im benachbarten Lager Rajsko (Birkenau FP) 318 Polen und 834 Juden vergast. Sie wurden nicht zufällig, sondern in einem speziell zu diesem Zweck gebauten Gebäude vergast. Nach dem Abendappell, um sechs Uhr, wurden auf dem Appellplatz öffentlich zwei Polen aufgehängt. Angeblich wegen Fluchtgedanken. Einer bettelte um Gnade, doch diese Bitte wurde von unseren Würdenträgern belacht. Der andere verhielt sich sehr heldenhaft und, den Kopf erhebend, damit man ihm die Schlinge umlegen konnte, rief er: „Seid tapfer, Polen, solange ihr lebt, war und ist Polen nicht verloren“, Solche brauchen wir im Volk, und tatsächlich halten wir aus, und Polen wird als freier Staat wiederentstehen. Ich bitte Euch um alles in der Welt – passt auf Euch auf, denn die Gestapo lauert auf jedem Schritt auf die Polen. Und nach Auschwitz ins Lager zu kommen, bedeutet sterben. Ich umarme Euch, alle meine Teuersten, fest und herzlich, Euer Janusz
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Janusz Skretuski-Pogonowski 14. Juli 1942 Liebe Tante, Lalusia, Jędruś! Heute erfuhr ich, dass man Euch über meinen Tod benachrichtigt hat. Es tut mir leid, dass Ihr sicher meinetwegen viele Schwierigkeiten hattet. Es ist sogar möglich, dass sie Euch meine Asche geschickt haben. Das kommt hier oft vor. Das Krankenrevier gibt versehentlich eine falsche Nummer an die Hauptschreibstube weiter, und die sind dort sicher, dass das gegebene Individuum tot ist. Also veranstaltet nicht zufällig mein Begräbnis, ich würde sonst weinen. So Gott will, sehe ich vielleicht in Kürze meine Lieben gesund und munter zu Hause wieder. Es ist wirklich schwer, in diesen Verhältnissen, in denen ich mich befinde, durchzuhalten. Wenn ich aber nun schon über zwei Jahre durchgehalten habe, dann werde ich, Gott geb‘s, in den Schoß der Familie zurückkehren. Was am Schlimmsten ist – wir haben oft empfindlichen Hunger. Das ist jedoch weniger unerträglich, als die Sehnsucht nach den Lieben und nach dem Heim. Man denkt nun schon nicht mehr an Feste und andere Lebensfreuden, sondern einzig an Euch, meine Teuersten, Liebsten. Mit jedem Transport, der hier ankommt, was häufig der Fall ist, befürchte ich, Andrzej, Vater und sogar die Tante oder Irenka zu sehen. Hier leben hinter dem Stacheldraht schließlich auch Frauen, die nicht weniger geschunden werden als wir. Ich habe schon mehrere Bekannte getroffen. Hier kommen auch Transporte aus Frankreich an. Ich fürchte, hier auch den Vater wiederzusehen. In diesen Verhältnissen ist alles möglich. Bitte, schreibt mir, wo sich Vater wirklich befindet und ob er wirklich gesund ist. Jede Nacht denke und träume ich ununterbrochen an und von Euch. Der Tag ist hier für mich nicht ein Tag wie bei freien Menschen, das ganze Leben ist ein nächtlicher Alptraum. Nicht ein Moment Ruhe. Immer von den Peitschen der deutschen Banditen angetrieben und gejagt. Keine Rede von einem Versuch des Widerstands. Die kleinste Verletzung der Lagerordnung hat schreckliche Folgen. Auf jedem Schritt lauert der Henker, bereit zur Vollstreckung des Urteils. Wenn nicht der Hunger, dann bezwingt uns die Krankheit, wenn die glücklich vorüber ist, wartet ein unvermuteter Schlag mit der Schaufel oder einem anderen scharfen oder schweren Gegenstand. Manchmal kommt sogar der Moment, wo ich im Abendgebet Gott um Gnade, um den Tod bitte. Diese hat nicht nur einen, sondern schon Tausende von uns erlöst. Hier kann man sogar wohlhabend und gut leben, aber man muss den Anderen das Leben nehmen, zum Henker der eigenen Brüder, Vater, Schwestern oder Mütter werden. Das allerdings verträgt sich nicht mit der Ehre eines Polen. Nicht mit dem Mut und dem Stolz über unsere großartige nationale Vergangenheit. In letzter Zeit gehen von hier zahlreiche Transporte nach anderen Lagern, in das Innere des Reiches. Das ist das Eine, vor dem ich mich ein wenig fürchte. Sie wollen uns unbedingt fertigmachen, die Liebe und Treue zum geliebten Vaterland aus uns herausreißen. Es gibt auch solche, denen das Leben lieber ist als das Vaterland, sie erlauben sich verschiedene Gemeinheiten, doch die machen sich selbst schnell fertig, denn sie besitzen kein Lebensziel. Vor drei Wochen ist hier in sehr schlechtem körperlichen Zustand unser sehr guter Bekannter, Herr Jaroszyński, gestorben. Einen Moment noch vor seinem Tode stand ich neben ihm und konnte sogar ein paar Worte mit ihm wechseln. Er beauftragte mich, seine Frau und Kinder ganz herzlich zu umarmen. Er wusste, dass er stirbt, aber er hoffte noch immer, die verlorene Freiheit wiederzugewinnen. Er starb mit den Worten „Lasst mich endlich zu meinen Nächsten, ich will noch für sie leben“. Er war an Durchfall und allgemeiner Auszehrung erkrankt. Der Tod ist hier für uns eine so gewöhnliche Sache, dass sicherlich keiner große Angst vor ihm hat. Exekutionen finden fast täglich unter unseren Augen statt, ohne Rücksicht auf die Tageszeit. Hier kommen durch die Kugeln nicht einzelne oder dutzende, sondern tausende, wortwörtlich tausende Menschen um. Gestern, zum Beispiel, wurden im benachbarten Lager Rajsko (Birkenau FP) 318 Polen und 834 Juden vergast. Sie wurden nicht zufällig, sondern in einem speziell zu diesem Zweck gebauten Gebäude vergast. Nach dem Abendappell, um sechs Uhr, wurden auf dem Appellplatz öffentlich zwei Polen aufgehängt. Angeblich wegen Fluchtgedanken. Einer bettelte um Gnade, doch diese Bitte wurde von unseren Würdenträgern belacht. Der andere verhielt sich sehr heldenhaft und, den Kopf erhebend, damit man ihm die Schlinge umlegen konnte, rief er: „Seid tapfer, Polen, solange ihr lebt, war und ist Polen nicht verloren“, Solche brauchen wir im Volk, und tatsächlich halten wir aus, und Polen wird als freier Staat wiederentstehen. Ich bitte Euch um alles in der Welt – passt auf Euch auf, denn die Gestapo lauert auf jedem Schritt auf die Polen. Und nach Auschwitz ins Lager zu kommen, bedeutet sterben. Ich umarme Euch, alle meine Teuersten, fest und herzlich, Euer Janusz
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