An die Nachwelt

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09. Juli 1944
Robert Abshagen
Meine liebe, liebe Manya! Wie gerne würde ich Dir über die angefangenen Fragen weiter schreiben, aber ich fürchte als letztes nun, dass ich plötzlich nicht mehr Gelegenheit bekomme, an Dich, Mutter und meine Angehörigen, wie ich mir vorgenommen, noch zu schreiben: darum will ich heute Abschied nehmen. Nun bist Du doch nur meine Manya geblieben und nicht meine Manyana geworden, aber selbst jenes „nur“ hat mir in unserem so kurzen Zusammenleben so viel geschenkt, in meinem steten Ringen um meinen sittlichen Menschen so viel geholfen, dass ich Dir immer dankbar bin. Ich brauche Dir nicht groß Trost zu sprechen, Manya, zeigten mir Doch Deine Briefe, dass Du weißt, worum es geht, und dass Du nicht den faulen Jammer leben wirst... Gibt Dir doch das von Dir erworbene, durch die Gesellschaft gegebene Wissen die Erkenntnismöglichkeit, selbst in diesem scheinbar unbegreiflichen Geschehen das Nutzungsprinzip der Qualität, die dialektische Notwendigkeit zu sehen. Scheint es nicht trotzdem tragisch, dass die aus unserer so positiven Welt-Lebensanschauung stets gehabte tiefe Ehrfurcht vor dem Leben, die Dich nun einen Kampf um Deinen nächsten Lieben führen ließ, um einen Menschen, der Dir in seiner Ganzheit einzig nahe stand und der Dich unsagbar liebte, dass Du in diesem Kampfe unterlegen? Du kämpftest gegen eine halbe Welt, Manya, als einzelne, und darum auch weiß ich, dass Du nicht zerbrechen wirst, dass Dein positives Ja zum Sinn des Lebens, Dein kämpferisches Leben der Erhaltung alles Lebendigen nicht in Dir zertrümmert, nur noch glühender entfacht wird. So schmerzlich Dir auch mein Verlust, Du weißt doch, Manya, Zeit eilt, teilt, heilt! Die Aufgaben der Gemeinschaft, die lebendigen Forderungen des Lebens werden Dich wieder im großen Strom mitreißen, nur nicht treiben lassen, Manya; nicht blinder Entschluss zu glauben, sondern ein wissendes Dennoch, zielsicheres Streben. Ich könnte nun wartend den schon mal begonnenen tragisch-ironischen Wallenstein weiter zitieren: „Und schnell bin ich befreit von allen Zweifelsqualen!“ Aber ich leide ja keine Zweifelsqualen, weder über mein Handeln und die Vergangenheit noch im Wissen um zukünftige Entwicklung, und darum höre ich lieber den greisen, auf der Höhe seines praktisch-tätigen Schaffens stehenden Faust: „Das ist der Weisheit letzter Schluss, nur der ...“ usw. Ja, Manya, verweile und genieße; das ist mir nicht beschieden, aber tröstlich, wenn man weiß, das Leben und Einsatz nicht umsonst waren, und ich brumm‘ dann das alte Reiterlied, was wir immer mit Begeisterung sangen: „Es ist um mich nicht schad‘, wenn nur unsre Fahnen wehen über Belgrad!“ Und doch, wenn ich an Rudl, Hein, Gustav und die vielen denke, die an der Front und in der Heimat fielen, weiß ich, wie nötig unser deutsches Vaterland einen jeden dieser prächtigen Menschen gebraucht und wie wertvoll selbst mein Können noch der Gemeinschaft wäre. Soll ich Dir mein auch immer wiederholtes „Ceterum censeo“ nochmals sagen, Manya? Zwar bin ich kein Cato, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an; genügt‘s doch, wenn Du und die Freunde wissen, worum es geht und dass ihr danach handelt! Wenn Du nun plötzlich, Manya, meinen vertrauten Arm in Deinem, meine Hand in Deiner nicht mehr fühlst und eine leere Kälte Dich bedrängt, weißt Du, das ist der Tod! Meine Manya, weine; es trauern mit Dir so viele Freunde, die auch wieder mit Dir lachen werden. Nur Mut und immer wieder Kühnheit... Manya! Spiele Dir, wenn Du kannst, doch die Appassionata, wie viel Mut und Kraft kann sie verleihen. Freunde, ich fühle Eure Hände in den meinen und höre Euer Versprechen; ich danke Euch, lebt wohl, lebt wohl, Kameraden, vergesst nicht! Leb wohl, meine Manya, Du warst mein Liebstes, mein Wertvollstes, und all meinen Dank an diese Welt möcht‘ ich Dir nochmals sagen. Leb wohl, Liebling, Kopf hoch, meine Manya, Dein Robert
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Reiner Text
Robert Abshagen 09. Juli 1944 Meine liebe, liebe Manya! Wie gerne würde ich Dir über die angefangenen Fragen weiter schreiben, aber ich fürchte als letztes nun, dass ich plötzlich nicht mehr Gelegenheit bekomme, an Dich, Mutter und meine Angehörigen, wie ich mir vorgenommen, noch zu schreiben: darum will ich heute Abschied nehmen. Nun bist Du doch nur meine Manya geblieben und nicht meine Manyana geworden, aber selbst jenes „nur“ hat mir in unserem so kurzen Zusammenleben so viel geschenkt, in meinem steten Ringen um meinen sittlichen Menschen so viel geholfen, dass ich Dir immer dankbar bin. Ich brauche Dir nicht groß Trost zu sprechen, Manya, zeigten mir Doch Deine Briefe, dass Du weißt, worum es geht, und dass Du nicht den faulen Jammer leben wirst... Gibt Dir doch das von Dir erworbene, durch die Gesellschaft gegebene Wissen die Erkenntnismöglichkeit, selbst in diesem scheinbar unbegreiflichen Geschehen das Nutzungsprinzip der Qualität, die dialektische Notwendigkeit zu sehen. Scheint es nicht trotzdem tragisch, dass die aus unserer so positiven Welt-Lebensanschauung stets gehabte tiefe Ehrfurcht vor dem Leben, die Dich nun einen Kampf um Deinen nächsten Lieben führen ließ, um einen Menschen, der Dir in seiner Ganzheit einzig nahe stand und der Dich unsagbar liebte, dass Du in diesem Kampfe unterlegen? Du kämpftest gegen eine halbe Welt, Manya, als einzelne, und darum auch weiß ich, dass Du nicht zerbrechen wirst, dass Dein positives Ja zum Sinn des Lebens, Dein kämpferisches Leben der Erhaltung alles Lebendigen nicht in Dir zertrümmert, nur noch glühender entfacht wird. So schmerzlich Dir auch mein Verlust, Du weißt doch, Manya, Zeit eilt, teilt, heilt! Die Aufgaben der Gemeinschaft, die lebendigen Forderungen des Lebens werden Dich wieder im großen Strom mitreißen, nur nicht treiben lassen, Manya; nicht blinder Entschluss zu glauben, sondern ein wissendes Dennoch, zielsicheres Streben. Ich könnte nun wartend den schon mal begonnenen tragisch-ironischen Wallenstein weiter zitieren: „Und schnell bin ich befreit von allen Zweifelsqualen!“ Aber ich leide ja keine Zweifelsqualen, weder über mein Handeln und die Vergangenheit noch im Wissen um zukünftige Entwicklung, und darum höre ich lieber den greisen, auf der Höhe seines praktisch-tätigen Schaffens stehenden Faust: „Das ist der Weisheit letzter Schluss, nur der ...“ usw. Ja, Manya, verweile und genieße; das ist mir nicht beschieden, aber tröstlich, wenn man weiß, das Leben und Einsatz nicht umsonst waren, und ich brumm‘ dann das alte Reiterlied, was wir immer mit Begeisterung sangen: „Es ist um mich nicht schad‘, wenn nur unsre Fahnen wehen über Belgrad!“ Und doch, wenn ich an Rudl, Hein, Gustav und die vielen denke, die an der Front und in der Heimat fielen, weiß ich, wie nötig unser deutsches Vaterland einen jeden dieser prächtigen Menschen gebraucht und wie wertvoll selbst mein Können noch der Gemeinschaft wäre. Soll ich Dir mein auch immer wiederholtes „Ceterum censeo“ nochmals sagen, Manya? Zwar bin ich kein Cato, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an; genügt‘s doch, wenn Du und die Freunde wissen, worum es geht und dass ihr danach handelt! Wenn Du nun plötzlich, Manya, meinen vertrauten Arm in Deinem, meine Hand in Deiner nicht mehr fühlst und eine leere Kälte Dich bedrängt, weißt Du, das ist der Tod! Meine Manya, weine; es trauern mit Dir so viele Freunde, die auch wieder mit Dir lachen werden. Nur Mut und immer wieder Kühnheit... Manya! Spiele Dir, wenn Du kannst, doch die Appassionata, wie viel Mut und Kraft kann sie verleihen. Freunde, ich fühle Eure Hände in den meinen und höre Euer Versprechen; ich danke Euch, lebt wohl, lebt wohl, Kameraden, vergesst nicht! Leb wohl, meine Manya, Du warst mein Liebstes, mein Wertvollstes, und all meinen Dank an diese Welt möcht‘ ich Dir nochmals sagen. Leb wohl, Liebling, Kopf hoch, meine Manya, Dein Robert
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