An die Nachwelt

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Aus Zügen geworfen, unter der Erde verscharrt, in Thermoskannen versteckt – die letzten Nachrichten und Zeitzeugnisse von NS-Opfern gegen das Vergessen bilden einen Atlas der Individualität. Wir werden die Dimension des Holocaust nicht begreifen ohne den Blick darauf, wer vernichtet wurde. Wir müssen die Aufzeichnungen bergen, wiederbeleben und weitergeben. Sie sind der Imperativ des Humanismus: Seht die Menschen!
Wir müssen das Böse fürchten lernen. Es war möglich. Es ist möglich. Es bleibt möglich. Vergessen nimmt uns die Angst – vor den Möglichkeiten der Politik.

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[undatiert]
Charlotte Eisenblätter
Meine lieben Freunde und Bekannten! Am Vortag zu meinem Prozess – heute ist Sonntag – drängt es mich, Euch allen noch einmal zu danken für Eure Güte und Liebe, mit welcher Ihr mich in der Freiheit und besonders in den zwei Jahren meiner Inhaftierung beglückt habt. Diese Liebe und Güte wird mich auch das Schwerste ertragen lassen, denn es besteht kein Zweifel, dass ich ein Todesurteil erhalte. Ihr sollt deshalb aber nicht trauern, ich habe ein reiches Leben gehabt, wie es viele nicht haben, die 60 Jahre oder noch älter werden. Ich habe so viel glückliche Stunden genossen bei der Arbeit, im Freundeskreis und auf meinen Reisen. So ging mein Kampf letzten Endes nur dahin, allen Menschen zu solchen glücklichen Stunden zu verhelfen. Diese Erkenntnis gewann ich auf meinen vielen Wanderungen und Reisen, und glaubt mir, so sehr ich das Leben liebe, so gerne sterbe ich für diese meine Idee. Als junges Mädchen fand ich einen Spruch von Plato, den ich mir zum Lebensziel und Inhalt setzte: Denken, was wahr ist, und fühlen, was schön, und wollen, was gut ist, Darin erkennt der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens. Nun geht das Leben zu Ende, es ist Schicksal, man entgeht ihm nicht. Darum gedenkt meiner in Liebe und trauert nicht. Ich wünsche Euch Gesundheit, damit Ihr einst am Aufbau unseres Vaterlandes mithelfen könnt. Es umarmt Euch in Liebe und Dankbarkeit Eure Lotte
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Charlotte Eisenblätter [undatiert] Meine lieben Freunde und Bekannten! Am Vortag zu meinem Prozess – heute ist Sonntag – drängt es mich, Euch allen noch einmal zu danken für Eure Güte und Liebe, mit welcher Ihr mich in der Freiheit und besonders in den zwei Jahren meiner Inhaftierung beglückt habt. Diese Liebe und Güte wird mich auch das Schwerste ertragen lassen, denn es besteht kein Zweifel, dass ich ein Todesurteil erhalte. Ihr sollt deshalb aber nicht trauern, ich habe ein reiches Leben gehabt, wie es viele nicht haben, die 60 Jahre oder noch älter werden. Ich habe so viel glückliche Stunden genossen bei der Arbeit, im Freundeskreis und auf meinen Reisen. So ging mein Kampf letzten Endes nur dahin, allen Menschen zu solchen glücklichen Stunden zu verhelfen. Diese Erkenntnis gewann ich auf meinen vielen Wanderungen und Reisen, und glaubt mir, so sehr ich das Leben liebe, so gerne sterbe ich für diese meine Idee. Als junges Mädchen fand ich einen Spruch von Plato, den ich mir zum Lebensziel und Inhalt setzte: Denken, was wahr ist, und fühlen, was schön, und wollen, was gut ist, Darin erkennt der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens. Nun geht das Leben zu Ende, es ist Schicksal, man entgeht ihm nicht. Darum gedenkt meiner in Liebe und trauert nicht. Ich wünsche Euch Gesundheit, damit Ihr einst am Aufbau unseres Vaterlandes mithelfen könnt. Es umarmt Euch in Liebe und Dankbarkeit Eure Lotte
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Nachwort

Ich habe Angst vor Menschen – ich habe vor nichts solche Angst wie vor Menschen. Wie gut und wie böse sie werden können, dafür gibt es kein Maß, keine Basis, keine Sicherheit.

[…] Hier waren aber kleine Beamte, Handwerker, junge Mädchen, Frauen. Die ganze Bosheit, die ihnen innewohnte, hätte sich unter anderen Umständen höchstens in Tratsch, Übervorteilen, Tyrannei im Familienkreis und dergleichen ausgelebt.

Grete Salus