An die Nachwelt

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Aus Zügen geworfen, unter der Erde verscharrt, in Thermoskannen versteckt – die letzten Nachrichten und Zeitzeugnisse von NS-Opfern gegen das Vergessen bilden einen Atlas der Individualität. Wir werden die Dimension des Holocaust nicht begreifen ohne den Blick darauf, wer vernichtet wurde. Wir müssen die Aufzeichnungen bergen, wiederbeleben und weitergeben. Sie sind der Imperativ des Humanismus: Seht die Menschen!
Wir müssen das Böse fürchten lernen. Es war möglich. Es ist möglich. Es bleibt möglich. Vergessen nimmt uns die Angst – vor den Möglichkeiten der Politik.

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24. Februar 1945
Paul Hegenbart
Liebe Frau! Ich habe von hier zweimal geschrieben, am 26.1. und am 12. 2. Leider habe ich bis heute keine Antwort von Dir erhalten. Die Ursache weiß ich nicht. Lieber, treuer Lebenskamerad! Jetzt sind meine Minuten gezählt, die ich noch zu leben habe. Es wurde mir soeben bekanntgegeben, das mein Gnadengesuch abgelehnt ist und das Urteil jetzt vollstreckt wird. Die nervenfressende Zeit ist jetzt vorüber. Ich bin ganz ruhig. Meine einzigste Sorge bist Du und Dein weiteres Leben. Ich hoffe, Du wirst so handeln, wie ich es mit Dir in Potsdam besprochen habe. Das Sterben ist für mich nicht schwer, das Leben ist manchmal schwerer, besonders für mich in der letzten Zeit. Meine Gedanken waren immer nur bei Dir; denn Du warst immer mein treuer Kamerad in 33 Jahren. Ich nehme jetzt Abschied von Dir auf immer. Lebe wohl! Im Geiste umarme und küsse ich Dich zum letzten Mal. Grüße nochmals meine Geschwister und alle Bekannten. Dein Paul
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Paul Hegenbart 24. Februar 1945 Liebe Frau! Ich habe von hier zweimal geschrieben, am 26.1. und am 12. 2. Leider habe ich bis heute keine Antwort von Dir erhalten. Die Ursache weiß ich nicht. Lieber, treuer Lebenskamerad! Jetzt sind meine Minuten gezählt, die ich noch zu leben habe. Es wurde mir soeben bekanntgegeben, das mein Gnadengesuch abgelehnt ist und das Urteil jetzt vollstreckt wird. Die nervenfressende Zeit ist jetzt vorüber. Ich bin ganz ruhig. Meine einzigste Sorge bist Du und Dein weiteres Leben. Ich hoffe, Du wirst so handeln, wie ich es mit Dir in Potsdam besprochen habe. Das Sterben ist für mich nicht schwer, das Leben ist manchmal schwerer, besonders für mich in der letzten Zeit. Meine Gedanken waren immer nur bei Dir; denn Du warst immer mein treuer Kamerad in 33 Jahren. Ich nehme jetzt Abschied von Dir auf immer. Lebe wohl! Im Geiste umarme und küsse ich Dich zum letzten Mal. Grüße nochmals meine Geschwister und alle Bekannten. Dein Paul
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Nachwort

Ich habe Angst vor Menschen – ich habe vor nichts solche Angst wie vor Menschen. Wie gut und wie böse sie werden können, dafür gibt es kein Maß, keine Basis, keine Sicherheit.

[…] Hier waren aber kleine Beamte, Handwerker, junge Mädchen, Frauen. Die ganze Bosheit, die ihnen innewohnte, hätte sich unter anderen Umständen höchstens in Tratsch, Übervorteilen, Tyrannei im Familienkreis und dergleichen ausgelebt.

Grete Salus