An die Nachwelt

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22. April 1944
Renata Laqueur
Seit gestern hausen wir nun im Arbeitslager. Es ist die größte Schweinerei hier, überfüllte Baracken und obendrein ein offenes WC am Ende des Schlafsaales, und ich habe das unbeschreibliche Pech gehabt, dort einen Schlafplatz zu finden. Dieses Chaos, dieser Dreck, einfach unbeschreiblich, menschenunwürdig. Die katastrophalen Zustände bewirkten, dass ich in den letzten Tagen einfach nicht die Kraft fand für mein Tagebuch. In der ersten schlafen. Alles ist so irrsinnig, so hoffnungslos. Ich habe entsetzliche Angst, hier noch einen Winter bleiben zu müssen. Spätestens jetzt erkennen die letzten von uns, dass die Bezeichnung „Aufenthaltslager” nur eine arglistige Täuschung ist. Unser Tagesablauf: Wecken um Viertel vor 5. Nach dem Morgenappell auf dem Appellplatz um 6 Uhr marschieren die Arbeitskolonnen in Fünferreihen zu ihren Arbeitsstellen, die sie gegen halb sieben erreichen. Mittagspause um 11:30 Uhr. In Marschordnung, unter dem Geschimpfe und Getobe der Kolonnenführer, geht es wieder zum Antreten, wo wiederum Zählappell gehalten wird. Dann Essenempfang. Um halb eins noch einmal Zählappell, Abmarsch zu den Arbeitsstellen, an denen wir bis 18:30 Uhr bleiben. Dann Rückmarsch zum Appellplatz, wo natürlich gezahlt werden muss. Wenn wir dann Glück haben und alles klappt, dürfen wir in die Baracken. Klappt das Zahlen nicht, stehen wir abends noch einige Stunden auf dem großen Appellplatz, mit leerem Magen, in der Kälte, die langsam in uns hineinkriecht. Doch irgendwann entlassen sie uns dann doch in die Baracken, und dann kommt dieses so wichtige Stündlein, in dem jeder versucht, „Mensch“ zu sein, sich selbst zu finden – und nicht an den Hunger zu denken. Dieses Stündchen, in dem man spüren möchte, dass es für Menschen noch etwas anderes geben muss, als nur befohlen, getreten und beschimpft zu werden. Dieses ist auch die Stunde, in der man den Gedanken erlaubt davonzueilen, in der man davon zu träumen beginnt, es gäbe ein Ende des Krieges, ein Ende, das wir auch erleben. Männer und Frauen dürfen bis um 19:45 Uhr zusammenbleiben, was tatsächlich ein großer „Vorzug” dieses Lagers ist. Hat man dadurch doch die Möglichkeit, miteinander zu reden, dem anderen in Kleinigkeiten zu helfen und beizustehen.
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Reiner Text
Renata Laqueur 22. April 1944 Seit gestern hausen wir nun im Arbeitslager. Es ist die größte Schweinerei hier, überfüllte Baracken und obendrein ein offenes WC am Ende des Schlafsaales, und ich habe das unbeschreibliche Pech gehabt, dort einen Schlafplatz zu finden. Dieses Chaos, dieser Dreck, einfach unbeschreiblich, menschenunwürdig. Die katastrophalen Zustände bewirkten, dass ich in den letzten Tagen einfach nicht die Kraft fand für mein Tagebuch. In der ersten schlafen. Alles ist so irrsinnig, so hoffnungslos. Ich habe entsetzliche Angst, hier noch einen Winter bleiben zu müssen. Spätestens jetzt erkennen die letzten von uns, dass die Bezeichnung „Aufenthaltslager” nur eine arglistige Täuschung ist. Unser Tagesablauf: Wecken um Viertel vor 5. Nach dem Morgenappell auf dem Appellplatz um 6 Uhr marschieren die Arbeitskolonnen in Fünferreihen zu ihren Arbeitsstellen, die sie gegen halb sieben erreichen. Mittagspause um 11:30 Uhr. In Marschordnung, unter dem Geschimpfe und Getobe der Kolonnenführer, geht es wieder zum Antreten, wo wiederum Zählappell gehalten wird. Dann Essenempfang. Um halb eins noch einmal Zählappell, Abmarsch zu den Arbeitsstellen, an denen wir bis 18:30 Uhr bleiben. Dann Rückmarsch zum Appellplatz, wo natürlich gezahlt werden muss. Wenn wir dann Glück haben und alles klappt, dürfen wir in die Baracken. Klappt das Zahlen nicht, stehen wir abends noch einige Stunden auf dem großen Appellplatz, mit leerem Magen, in der Kälte, die langsam in uns hineinkriecht. Doch irgendwann entlassen sie uns dann doch in die Baracken, und dann kommt dieses so wichtige Stündlein, in dem jeder versucht, „Mensch“ zu sein, sich selbst zu finden – und nicht an den Hunger zu denken. Dieses Stündchen, in dem man spüren möchte, dass es für Menschen noch etwas anderes geben muss, als nur befohlen, getreten und beschimpft zu werden. Dieses ist auch die Stunde, in der man den Gedanken erlaubt davonzueilen, in der man davon zu träumen beginnt, es gäbe ein Ende des Krieges, ein Ende, das wir auch erleben. Männer und Frauen dürfen bis um 19:45 Uhr zusammenbleiben, was tatsächlich ein großer „Vorzug” dieses Lagers ist. Hat man dadurch doch die Möglichkeit, miteinander zu reden, dem anderen in Kleinigkeiten zu helfen und beizustehen.
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