An die Nachwelt

An die Nachwelt

Filter
Random
zurück
Vorwort
Random
Nachwort
[undatiert]
Witold Pilecki
Inzwischen wurden die Zustände im Lager von Monat zu Monat weniger grausam. Das hieß allerdings beileibe nicht, dass wir nicht weiterhin Zeugen wirklich schlimmer Szenen geworden wären. Auf dem Rückmarsch von der Arbeit aus der Gerberei mit den 500 Häftlingen, die dort beschäftigt waren, sah ich eines Tages kurz nach Neujahr eine kleine Gruppe von Männern und Frauen vor dem Krematorium warten (das war das alte kohlenbefeuerte Krematorium im Stammlager). Es war vielleicht ein Dutzend, Junge und Alte beiderlei Geschlechts. Sie standen dort wie eine Herde Schlachtvieh vor dem Schlachthaus. Sie wussten, was sie erwartete… Unter ihnen war ein Junge von etwa zehn Jahren, der in unseren vorüberziehenden „Hundertergruppen” nach jemandem Ausschau hielt. ...vielleicht nach einem Vater oder Bruder… Beim Vorbeimarsch hatte man Angst, den Augen der Frauen und Kinder zu begegnen und darin etwa Verachtung ausgedrückt zu finden. Innerlich brannten wir vor Scham, aber nein! – Erleichtert erkannten wir schließlich in ihren Augen nur Verachtung – für den Tod! Beim Marsch durchs Tor sahen wir eine andere Gruppe an der Mauer stehen, den anrückenden Kolonnen den Rücken zugekehrt und mit erhobenen Händen. Manchen stand vor dem Tod noch ein Verhör bevor, anderen die Folter in Block 11, bevor Palitzsch, der Henker, ihnen eine Kugel in den Hinterkopf schießen würde und ihre blutigen Leichen auf den Karren zum Krematorium geworfen würden. Als wir durchs Tor kamen, wurde die erste kleine Gruppe Häftlinge gerade ins Krematorium getrieben. Manchmal wollte die Lagerleitung für ein bloßes Dutzend Menschen kein Giftgas verschwenden. Man betäubte die Opfer mit einem Kolbenschlag und stieß die noch Lebenden in die Verbrennungsöfen. Von unserem Block (Nummer 22) aus, der dem Krematorium am nächsten stand, hörten wir manchmal, durch die dicken Mauern gedämpft, das furchtbare Schreien und Stöhnen der Gequälten im Todeskampf. Nicht alle nahmen beim Rückmarsch von der Arbeit diesen Weg. Wer nicht dort entlangging, musste die Gesichter der Opfer nicht sehen, trug sich dann aber ständig mit dem Gedanken: Vielleicht ist meine Mutter... meine Frau... meine Tochter… Aber das Herz eines Häftlings ist abgehärtet. Eine halbe Stunde später standen viele schon wieder in einer Schlange nach Margarine oder Tabak an und ignorierten einfach, dass sie dies neben einem Berg nackter Leichen taten, den täglichen Phenolopfern. Manchmal trat jemand auf ein bereits totenstarres Bein und schaute nach unten: „Nanu, das ist ja Stasio...“ Aber was will man machen? Heute war er dran, nächste Woche vielleicht ich… Aber trotzdem verfolgte mich der suchende Blick des kleinen Jungen bis tief in die Nacht.
teilen
Social Media
Link zum Post
https://an-die-nachwelt.de/witold-pilecki-undatiert-tod-25
kopieren
Reiner Text
Witold Pilecki [undatiert] Inzwischen wurden die Zustände im Lager von Monat zu Monat weniger grausam. Das hieß allerdings beileibe nicht, dass wir nicht weiterhin Zeugen wirklich schlimmer Szenen geworden wären. Auf dem Rückmarsch von der Arbeit aus der Gerberei mit den 500 Häftlingen, die dort beschäftigt waren, sah ich eines Tages kurz nach Neujahr eine kleine Gruppe von Männern und Frauen vor dem Krematorium warten (das war das alte kohlenbefeuerte Krematorium im Stammlager). Es war vielleicht ein Dutzend, Junge und Alte beiderlei Geschlechts. Sie standen dort wie eine Herde Schlachtvieh vor dem Schlachthaus. Sie wussten, was sie erwartete… Unter ihnen war ein Junge von etwa zehn Jahren, der in unseren vorüberziehenden „Hundertergruppen” nach jemandem Ausschau hielt. ...vielleicht nach einem Vater oder Bruder… Beim Vorbeimarsch hatte man Angst, den Augen der Frauen und Kinder zu begegnen und darin etwa Verachtung ausgedrückt zu finden. Innerlich brannten wir vor Scham, aber nein! – Erleichtert erkannten wir schließlich in ihren Augen nur Verachtung – für den Tod! Beim Marsch durchs Tor sahen wir eine andere Gruppe an der Mauer stehen, den anrückenden Kolonnen den Rücken zugekehrt und mit erhobenen Händen. Manchen stand vor dem Tod noch ein Verhör bevor, anderen die Folter in Block 11, bevor Palitzsch, der Henker, ihnen eine Kugel in den Hinterkopf schießen würde und ihre blutigen Leichen auf den Karren zum Krematorium geworfen würden. Als wir durchs Tor kamen, wurde die erste kleine Gruppe Häftlinge gerade ins Krematorium getrieben. Manchmal wollte die Lagerleitung für ein bloßes Dutzend Menschen kein Giftgas verschwenden. Man betäubte die Opfer mit einem Kolbenschlag und stieß die noch Lebenden in die Verbrennungsöfen. Von unserem Block (Nummer 22) aus, der dem Krematorium am nächsten stand, hörten wir manchmal, durch die dicken Mauern gedämpft, das furchtbare Schreien und Stöhnen der Gequälten im Todeskampf. Nicht alle nahmen beim Rückmarsch von der Arbeit diesen Weg. Wer nicht dort entlangging, musste die Gesichter der Opfer nicht sehen, trug sich dann aber ständig mit dem Gedanken: Vielleicht ist meine Mutter... meine Frau... meine Tochter… Aber das Herz eines Häftlings ist abgehärtet. Eine halbe Stunde später standen viele schon wieder in einer Schlange nach Margarine oder Tabak an und ignorierten einfach, dass sie dies neben einem Berg nackter Leichen taten, den täglichen Phenolopfern. Manchmal trat jemand auf ein bereits totenstarres Bein und schaute nach unten: „Nanu, das ist ja Stasio...“ Aber was will man machen? Heute war er dran, nächste Woche vielleicht ich… Aber trotzdem verfolgte mich der suchende Blick des kleinen Jungen bis tief in die Nacht.
kopieren
Bildatei